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Krankheitsbilder

Krankheitsbilder in der Pflege: Überblick

Wenn ein Mensch pflegebedürftig wird, steht fast immer eine konkrete Diagnose dahinter.

Patricia Brunero08.06.202610 Min. Lesezeit

Wenn ein Mensch pflegebedürftig wird, steht fast immer eine konkrete Diagnose dahinter. Die häufigen Krankheitsbilder in der Pflege reichen von Demenz und Schlaganfall über Parkinson bis zu Diabetes im Alter. So verschieden diese Erkrankungen verlaufen, eine Frage taucht fast immer auf. Welche Hilfe braucht die betroffene Person, und welcher Pflegegrad steht ihr zu? Dieser Überblick ordnet die wichtigsten Diagnosen ein, zeigt typische Verläufe und den jeweiligen Pflegebedarf. Vor allem erklärt er, warum nicht die Krankheit selbst, sondern der Hilfebedarf im Alltag über die Leistungen entscheidet.

Warum nicht die Diagnose über den Pflegegrad entscheidet

Das ist der Kern, den viele Angehörige zuerst falsch einschätzen. Es gibt keinen automatischen Pflegegrad für eine bestimmte Krankheit. Seit der Pflegereform 2017 stellt die Begutachtung fest, wie selbstständig ein Mensch seinen Alltag noch bewältigt. Die Diagnose liefert dafür nur den Hintergrund. Wie stark sie sich auswirkt, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich.

Grundlage ist der Begriff der Pflegebedürftigkeit nach § 14 SGB XI. Bei der Begutachtung prüft der Medizinische Dienst sechs Lebensbereiche, sogenannte Module, und gewichtet sie unterschiedlich. Bei gesetzlich Versicherten übernimmt das der Medizinische Dienst, bei privat Versicherten Medicproof.

ModulLebensbereichGewichtung
1Mobilität10 %
2Kognitive und kommunikative Fähigkeiten15 %
3Verhaltensweisen und psychische Problemlagen15 %
4Selbstversorgung40 %
5Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen20 %
6Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte15 %

Jedes Modul steht für einen Alltagsbereich. Modul 1 erfasst die Beweglichkeit, etwa das Aufstehen oder Treppensteigen. Modul 4 mit dem größten Gewicht von 40 Prozent betrifft die Selbstversorgung, also Waschen, Ankleiden, Essen und Toilettengang. Modul 5 berücksichtigt den Umgang mit Medikamenten, Arztbesuchen und Therapien. Die übrigen Module decken Denken und Kommunikation, Verhalten und psychische Problemlagen sowie die Gestaltung des Tages und sozialer Kontakte ab.

Aus dieser Gewichtung ergibt sich eine Punktzahl und aus dieser wiederum der Pflegegrad von 1 bis 5. Wichtig zu wissen ist außerdem, dass die Module 2 und 3 nicht addiert werden. Es zählt nur der höhere der beiden Werte.

Was das praktisch bedeutet, zeigt ein Beispiel. Zwei Menschen mit derselben Diagnose Demenz können in ganz unterschiedlichen Pflegegraden landen. Wer noch selbstständig isst und sich wäscht, aber Beaufsichtigung und Erinnerung braucht, erreicht über die Module für Kognition und Verhalten oft einen niedrigeren Grad. Wer zusätzlich beim Waschen, Anziehen und Essen Hilfe benötigt, kommt über das schwer gewichtete Modul 4 in einen höheren Grad. Dieses Beispiel ist bewusst grob und ersetzt keine Begutachtung. Es macht aber den Grundsatz greifbar, dass der Hilfebedarf zählt, nicht der Name der Krankheit.

Welcher Pflegegrad bei welcher Krankheit herauskommt, lässt sich daher nie pauschal sagen. Genau deshalb behandeln wir die einzelnen Krankheitsbilder in eigenen Beiträgen und fassen die Pflegegrad-Frage je Diagnose im Beitrag „Pflegegrad bei Krankheiten: Demenz, Schlaganfall, Parkinson & Co." zusammen. Wie die Begutachtung im Detail abläuft, beschreibt das Begutachtungsinstrument des Medizinischen Dienstes Bund.

Häufige Krankheitsbilder in der Pflege im Überblick

Die folgende Übersicht ordnet die wichtigsten Diagnosen nach Verlauf und Pflegebedarf. Jedes Krankheitsbild vertiefen wir in einem eigenen Beitrag, auf den ich im jeweiligen Absatz verweise.

KrankheitsbildVerlauf in KürzeTypischer Pflegebedarf
Demenz / Alzheimerfortschreitend über JahreOrientierung, Beaufsichtigung, feste Tagesstruktur, später Grundpflege
Schlaganfallplötzlich, danach Reha und oft bleibende FolgenMobilisation, Hilfe bei der Körperpflege, Sprach- und Schlucktraining
Parkinsonlangsam fortschreitend, über den Tag schwankendSturzschutz, Hilfe bei Feinmotorik, verlässlicher Medikamententakt
Multiple Sklerosemeist schubförmig, sehr individuellje nach Verlauf Mobilität, Blasenfunktion, Umgang mit Erschöpfung
Diabetes im Alterchronisch, gut steuerbar, Folgeschäden möglichMedikamenten- oder Insulingabe, Fußkontrolle, Wundversorgung
Inkontinenzhäufig Begleit- oder FolgeerscheinungHygiene, Hautschutz, Hilfsmittel zum Verbrauch
DekubitusDruckschädigung der Haut, weitgehend vermeidbarLagerung, Hautpflege, konsequente Prophylaxe
Pflege am Lebensendebegrenzte LebenserwartungSchmerz- und Symptomlinderung, palliative Begleitung

Demenz und Alzheimer. Mit rund 1,84 Mio. Betroffenen zählt Demenz zu den häufigsten pflegerelevanten Erkrankungen im Alter, Alzheimer ist die häufigste Form. Der Verlauf zieht sich über Jahre, der Hilfebedarf wächst von Beaufsichtigung und Tagesstruktur bis zur vollständigen Grundpflege. Die Häufigkeit belegt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Vertiefung in den Beiträgen „Alzheimer: Symptome und Frühzeichen" und „Pflegegrad bei Demenz".

Schlaganfall. Jährlich erleiden in Deutschland rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall, knapp 200.000 davon zum ersten Mal. Rund 80 Prozent der Betroffenen sind 60 Jahre oder älter. Der Schlaganfall ist zudem die häufigste Ursache für erworbene Behinderungen im Erwachsenenalter. Das zeigen die Factsheets der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Wie stark das Risiko mit dem Alter steigt, macht die Schlaganfall-Prävalenz des Robert Koch-Instituts deutlich. In der Altersgruppe der 65- bis 79-Jährigen sind 7,5 Prozent betroffen, ab 80 Jahren 14,6 Prozent. Anders als die meisten Krankheitsbilder tritt der Pflegebedarf hier oft schlagartig ein. Mehr dazu im Beitrag „Schlaganfall: Pflege, Reha und Pflegegrad".

Parkinson. Rund 400.000 Menschen in Deutschland sind an Parkinson erkrankt, damit ist es nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen nennt diese Zahl mit steigender Tendenz. Die Beweglichkeit nimmt langsam ab und schwankt häufig im Tagesverlauf. Für die Pflege heißt das, dass der Medikamententakt zuverlässig eingehalten und das Sturzrisiko aktiv gesenkt werden muss. Details im Beitrag „Parkinson: Pflege und Alltag".

Multiple Sklerose. Rund 280.000 Menschen leben in Deutschland mit Multipler Sklerose, die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft vertritt ihre Belange. Die Erkrankung beginnt oft im jungen oder mittleren Erwachsenenalter und verläuft meist in Schüben. Der Pflegebedarf ist dadurch sehr unterschiedlich und reicht von zeitweiser Unterstützung bis zu dauerhafter Hilfe bei Mobilität und Blasenfunktion. Mehr im Beitrag „Multiple Sklerose und Pflege".

Diabetes im Alter. Rund jeder zehnte Erwachsene in Deutschland hat einen ärztlich diagnostizierten Diabetes, über 90 Prozent davon Typ 2. Die Diabetes-Prävalenz des Robert Koch-Instituts lag zuletzt bei 10,3 Prozent. Die Krankheit ist gut steuerbar, kann aber zu Folgeschäden an Augen, Nieren, Nerven und Füßen führen. In der Pflege zählen die verlässliche Medikamenten- oder Insulingabe, die Kontrolle der Füße und die Versorgung schlecht heilender Wunden. Vertiefung im Beitrag „Diabetes im Alter: Pflege und Vorsorge".

Inkontinenz, Dekubitus und Pflege am Lebensende. Diese drei Themen sind seltener eine eigenständige Hauptdiagnose, treten aber im Pflegealltag sehr häufig auf. Inkontinenz ist oft eine Begleit- oder Folgeerscheinung anderer Erkrankungen und erfordert konsequente Hygiene und Hautschutz. Ein Dekubitus, also eine Druckschädigung der Haut, lässt sich durch regelmäßige Lagerung und Hautpflege weitgehend vermeiden. Fachliche Grundlage dafür sind die Expertenstandards des DNQP. Die Pflege am Lebensende schließlich rückt nicht mehr die Heilung, sondern Schmerzlinderung, Würde und Begleitung in den Mittelpunkt. Alle drei behandeln wir in den Beiträgen „Inkontinenz: Formen, Hilfsmittel und Pflege", „Dekubitus: Entstehung, Stadien und Prophylaxe" und „Palliativpflege und Pflege am Lebensende".

Krankheiten im Alter kommen selten allein

Eine Beobachtung, die viele unterschätzen, ist die Mehrfacherkrankung. Krankheiten im Alter treten häufig gemeinsam auf, und genau das prägt den Pflegealltag. Ein Mensch mit Diabetes hat zugleich eine beginnende Demenz, nach einem Schlaganfall kommen Inkontinenz und ein erhöhtes Sturzrisiko hinzu. Jede einzelne Erkrankung mag für sich beherrschbar wirken. In der Summe steigt der Hilfebedarf jedoch deutlich, oft schneller als gedacht.

Die hier ausführlich behandelten Diagnosen sind die häufigsten, aber nicht die einzigen, die zu Pflegebedürftigkeit führen. Eine große Rolle spielen auch chronische Herzschwäche, Lungenerkrankungen wie COPD, Krebserkrankungen, fortgeschrittene Arthrose und psychische Erkrankungen wie Depression im Alter. Für die Pflege gelten dabei dieselben Grundsätze wie bei den großen Krankheitsbildern. Entscheidend ist der Hilfebedarf, nicht die Diagnose.

Für die Begutachtung ist die Mehrfacherkrankung eher ein Vorteil, denn bewertet wird der gesamte Hilfebedarf über alle sechs Module, nicht eine Diagnose allein. Für den Alltag bedeutet es vor allem eines. Beobachten Sie Veränderungen früh und halten Sie sie fest, damit der tatsächliche Aufwand sichtbar bleibt.

Pflege bei Krankheit: was im Alltag den Unterschied macht

So unterschiedlich die Diagnosen sind, einige Grundsätze helfen bei jeder Pflege bei Krankheit. Diese vier Punkte rate ich Ihnen, von Anfang an mitzudenken.

  1. Hilfebedarf ehrlich einschätzen. Was kann die betroffene Person noch allein, wo braucht sie Unterstützung? Schönfärben hilft niemandem, am wenigsten bei der Begutachtung. Aus Gesprächen mit Angehörigen nehme ich mit, dass der Bedarf aus Stolz oder Gewohnheit oft zu niedrig angesetzt wird.
  2. Dokumentation führen. Ein Pflegetagebuch macht sichtbar, bei welchen Tätigkeiten wie viel Hilfe nötig ist. Das erleichtert die Begutachtung und spätere Höherstufungen. Wie Sie ein solches Tagebuch anlegen, beschreibt der Beitrag „Pflegetagebuch".
  3. Hilfsmittel nutzen. Vom Pflegebett über saugende Bettschutzeinlagen bis zum Hausnotruf gibt es für fast jedes Krankheitsbild passende Hilfen. Vieles übernimmt die Pflegekasse, anderes die Krankenkasse. Einen Überblick gibt der Beitrag „Pflegehilfsmittel".
  4. Risiken vorbeugen. Gerade bei eingeschränkter Mobilität sind Stürze und Druckstellen die häufigsten vermeidbaren Komplikationen. Wie Sie Stürzen vorbeugen, lesen Sie im Beitrag „Sturzprophylaxe".

Eine Sache wird oft verkannt. Der erste Schritt bei jeder neuen Diagnose ist nicht die Pflegetechnik, sondern der Pflegegradantrag. Erst er öffnet den Zugang zu Pflegegeld, Sachleistungen und Entlastungsangeboten. Die Grundlagen dazu erklärt der Beitrag „Pflegegrade 2026".


Quellen

Häufige Fragen

Am häufigsten sind es Demenz, Schlaganfall, Parkinson, Multiple Sklerose und Diabetes im Alter. Auch chronische Herz-, Lungen- und Krebserkrankungen sowie schwere Stürze führen oft zu Pflegebedürftigkeit. Entscheidend ist nicht die Diagnose, sondern wie stark sie die Selbstständigkeit im Alltag einschränkt.
Das lässt sich nicht pauschal beantworten, weil derselbe Krankheitsname sehr unterschiedlich verlaufen kann. Maßgeblich ist die Begutachtung über sechs Lebensbereiche. Eine diagnosebezogene Einordnung finden Sie im Beitrag „Pflegegrad bei Krankheiten".
Im höheren Alter treten Demenz, Schlaganfall, Diabetes und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems besonders oft auf. Häufig kommen mehrere Erkrankungen zusammen, was den Pflegebedarf zusätzlich erhöht.
Nein. Eine Diagnose allein begründet keinen Pflegegrad. Entscheidend ist der konkrete Hilfebedarf im Alltag, den der Medizinische Dienst bei der Begutachtung feststellt.
Es hält über ein bis zwei Wochen fest, wo und wie lange Hilfe nötig ist. Damit wird der tatsächliche Aufwand für die Begutachtung nachvollziehbar und Lücken in der Versorgung fallen früher auf.

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