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Schlaganfall: Pflege, Reha & Pflegegrad

Ein Schlaganfall trifft die ganze Familie unvorbereitet. Von einem Moment auf den anderen stehen Angehörige vor Fragen, die vorher keine Rolle gespielt haben.

Patricia Brunero08.06.20269 Min. Lesezeit

Ein Schlaganfall trifft die ganze Familie unvorbereitet. Von einem Moment auf den anderen stehen Angehörige vor Fragen, die vorher keine Rolle gespielt haben. Wie sieht die Pflege nach einem Schlaganfall aus, wie läuft die Reha ab und welcher Pflegegrad steht zu? Dieser Beitrag ordnet die drei großen Themen ein und zeigt, worauf es im Alltag wirklich ankommt. Die Schlaganfall-Pflege beginnt schon in der Klinik und reicht bis weit in das Leben zu Hause hinein.

Was bei einem Schlaganfall passiert

Bei einem Schlaganfall wird ein Teil des Gehirns plötzlich nicht mehr ausreichend durchblutet. Mediziner unterscheiden zwei Formen, wie das Robert Koch-Institut beschreibt. Am häufigsten ist der ischämische Schlaganfall, der Hirninfarkt, bei dem ein Blutgefäß durch ein Gerinnsel verschlossen wird. Auf ihn entfallen rund 80 % der Fälle. Deutlich seltener platzt ein Gefäß und es kommt zu einer Hirnblutung, dem hämorrhagischen Schlaganfall mit etwa 20 %. In beiden Fällen sterben Nervenzellen ab, wenn die Versorgung nicht schnell wiederhergestellt wird. Genau deshalb gilt jede Minute. Je früher die Behandlung beginnt, desto mehr Hirngewebe lässt sich retten.

Für Angehörige ist das Erkennen der Warnzeichen entscheidend. Der FAST-Test der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe prüft drei Anzeichen. Bitten Sie die Person zu lächeln. Hängt ein Mundwinkel herab, deutet das auf eine Gesichtslähmung hin. Bitten Sie sie, beide Arme nach vorne zu strecken und die Handflächen nach oben zu drehen. Sinkt ein Arm ab, liegt vermutlich eine Lähmung vor. Lassen Sie sie einen einfachen Satz nachsprechen. Klingt die Sprache verwaschen, ist das ein Warnzeichen. Tritt auch nur eines dieser Anzeichen auf, wählen Sie sofort den Notruf 112 und nennen Sie den Verdacht auf einen Schlaganfall. Fahren Sie die Person nicht selbst in die Klinik und warten Sie nicht ab, ob die Beschwerden von allein vergehen.

Folgen eines Schlaganfalls

Welche Folgen bleiben, hängt davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen war und wie schnell behandelt wurde. Kein Verlauf gleicht dem anderen. Manche Menschen erholen sich fast vollständig, andere bleiben dauerhaft auf Unterstützung angewiesen. Die folgende Übersicht zeigt die häufigsten Folgen und was sie für die Pflege bedeuten.

FolgeWas sie bedeutetWorauf es in der Pflege ankommt
HalbseitenlähmungArm, Bein und Gesicht einer Körperseite sind geschwächt oder gelähmtSicheres Bewegen und Umsetzen, Lagerung zur Vorbeugung von Druckstellen, betroffene Seite bewusst einbeziehen
Sprachstörung (Aphasie)Sprechen oder Verstehen fällt schwerGeduld, kurze Sätze, Zeit zum Antworten lassen, logopädische Übungen unterstützen
Schluckstörung (Dysphagie)Verschlucken droht, Gefahr einer LungenentzündungAngepasste Kost und Getränke, aufrechtes Sitzen beim Essen, ärztliche und logopädische Begleitung
Sehstörungen und NeglectHalbes Gesichtsfeld fehlt oder eine Körperseite wird vernachlässigtWichtiges in das wahrgenommene Blickfeld stellen, von der betroffenen Seite ansprechen
Erschöpfung (Fatigue) und StimmungstiefsSchnelle Ermüdung, Antriebslosigkeit, oft auch DepressionPausen einplanen, Überforderung vermeiden, seelische Belastung ernst nehmen

Aus dem Austausch mit betroffenen Familien habe ich erfahren, wie sehr gerade die unsichtbaren Folgen unterschätzt werden. Erschöpfung und niedergedrückte Stimmung sind nach einem Schlaganfall häufig. Sie werden im Umfeld oft als Unwillen missverstanden, dabei sind sie Teil der Erkrankung. Das wird oft verkannt.

Reha nach einem Schlaganfall

Die Rehabilitation ist der wichtigste Hebel, um verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen. Hier gilt der Grundsatz „Reha vor Pflege". Erste Übungen beginnen idealerweise schon in der Akutklinik, parallel zur Versorgung. Die neurologische Reha ist nach dem Phasenmodell der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation in sechs Stufen von A bis F gegliedert. Nicht jeder durchläuft alle Phasen. Bei guten Fortschritten werden Stufen übersprungen, bei einer Verschlechterung ist ein Wechsel zurück möglich.

PhaseInhalt
AAkutbehandlung im Krankenhaus, oft auf einer spezialisierten Stroke Unit
BFrührehabilitation bei noch hohem medizinischem und pflegerischem Bedarf
CWeiterführende Reha, die Person kann zunehmend selbst mitarbeiten
DAnschlussrehabilitation zum Wiedererlangen der Alltagskompetenz
ENachgehende Leistungen, berufliche Wiedereingliederung
FDauerhafte aktivierende Pflege bei bleibendem hohem Hilfebedarf

Für Angehörige ist vor allem die Anschlussrehabilitation der Phase D greifbar. Sie schließt sich meist innerhalb von zwei Wochen an den Klinikaufenthalt an und kann stationär oder ambulant erfolgen. Der Sozialdienst der Klinik hilft bei der Antragstellung. Wie lange die Reha dauert, hängt vom Einzelfall ab. In der Regel wird sie zunächst für drei Wochen bewilligt, eine Verlängerung ist auf ärztlichen Antrag möglich. Nach einem Schlaganfall ist eine Verlängerung häufig sinnvoll. Träger ist je nach Erwerbssituation die Renten- oder die Krankenversicherung. Bei Erwachsenen fällt eine Zuzahlung von 10 Euro pro Tag an, begrenzt auf wenige Wochen im Jahr.

Pflege nach einem Schlaganfall im Alltag

Wenn die Reha abgeschlossen ist, verlagert sich die Pflege nach Hause. Die wichtigste Haltung dabei ist, Selbstständigkeit zu fördern statt alles abzunehmen. Jede Bewegung, die ein Mensch selbst ausführt, erhält Kraft und Beweglichkeit. Das wird im Pflegefachdeutsch aktivierende Pflege genannt. Ich empfehle, die folgenden Punkte fest in den Tagesablauf einzubauen.

  • Die betroffene Seite einbeziehen. Sprechen Sie die Person von der gelähmten Seite an und reichen Sie Gegenstände dorthin. So bleibt diese Seite im Bewusstsein und wird mittrainiert.
  • Sicher bewegen und lagern. Üben Sie das Umsetzen mit der Reha-Therapeutin ein. Regelmäßiges Umlagern beugt Druckstellen und Versteifungen vor.
  • Beim Essen auf das Schlucken achten. Bei einer Schluckstörung gehören aufrechtes Sitzen, angepasste Kost und Ruhe beim Essen dazu. Verschlucken kann zu einer Lungenentzündung führen.
  • Reha-Übungen weiterführen. Logopädie, Ergo- und Physiotherapie wirken nur, wenn das Geübte zu Hause wiederholt wird. Kurze, tägliche Einheiten bringen mehr als seltene lange.
  • Stürzen vorbeugen. Lähmungen und Gleichgewichtsprobleme erhöhen das Sturzrisiko deutlich. Sichern Sie das Wohnumfeld, entfernen Sie Stolperfallen und mobilisieren Sie die Person nur mit sicherem Stand.

Ein Punkt, der mir am Herzen liegt, betrifft die Angehörigen selbst. Die Pflege nach einem Schlaganfall ist ein Marathon, kein Sprint. Wer dauerhaft über die eigene Grenze geht, hilft am Ende niemandem. Entlastungsangebote, Selbsthilfegruppen und eine Pflegeberatung nach § 7a SGB XI sind keine Schwäche, sondern Teil einer guten Versorgung.

Pflegegrad nach einem Schlaganfall

Viele Angehörige erwarten, dass die Diagnose Schlaganfall automatisch zu einem bestimmten Pflegegrad führt. Das ist nicht so. Seit der Pflegereform 2017 zählt allein, wie selbstständig ein Mensch seinen Alltag noch bewältigt. Der Medizinische Dienst bewertet dazu sechs Lebensbereiche, von der Mobilität über die Selbstversorgung bis zum Umgang mit der Erkrankung. Aus der Punktzahl ergibt sich der Pflegegrad nach § 15 SGB XI. Wie die Einstufung im Detail abläuft und welche Leistungen mit jedem Grad verbunden sind, ist ein eigenes, umfangreiches Thema.

Für den Schlaganfall-Pflegegrad bedeutet das: Entscheidend ist der Zustand nach der Akutphase und der Reha, nicht der erste Schreck. Ein leichter Schlaganfall mit guter Erholung führt oft nur zu einem niedrigen Pflegegrad oder zu keinem. Bleiben dagegen eine ausgeprägte Halbseitenlähmung, eine Schluckstörung und ein hoher Hilfebedarf, sind höhere Pflegegrade realistisch. Mein Tipp: Stellen Sie den Antrag bei der Pflegekasse zeitnah, denn Leistungen werden rückwirkend ab dem Monat der Antragstellung gezahlt.

Quellen

Häufige Fragen

Einen festen Schlaganfall-Pflegegrad gibt es nicht. Maßgeblich ist der verbliebene Hilfebedarf in sechs Lebensbereichen, den der Medizinische Dienst bewertet. Bei guter Erholung kann das ein niedriger Grad oder gar kein Pflegegrad sein, bei schweren Folgen ein hoher.
Wichtig ist eine aktivierende Pflege, die Selbstständigkeit fördert statt sie abzunehmen. Beziehen Sie die betroffene Körperseite bewusst ein, führen Sie Reha-Übungen zu Hause weiter und achten Sie bei Schluckstörungen auf sicheres Essen. Holen Sie sich frühzeitig Entlastung.
Die Anschlussreha wird in der Regel zunächst für drei Wochen bewilligt. Eine Verlängerung ist nach einem Schlaganfall häufig sinnvoll und auf ärztlichen Antrag möglich. Der genaue Verlauf hängt von Art und Schwere der Folgen ab.
FAST steht für Face, Arms, Speech, Time. Sie prüfen Gesicht, Arme und Sprache und wählen bei einem auffälligen Anzeichen sofort den Notruf 112. Der Test hilft Laien, einen Schlaganfall schnell zu erkennen.
Das ist sehr unterschiedlich. Viele Menschen gewinnen durch konsequente Reha einen Großteil ihrer Fähigkeiten zurück. Rund 60 % der Betroffenen bleiben jedoch ein Jahr danach auf Therapie, Hilfsmittel oder Pflege angewiesen.

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