
Sturzprophylaxe & sichere Mobilisation: Stürze im Alter wirksam vorbeugen
Ein einziger Sturz kann das Leben eines älteren Menschen verändern.
Ein einziger Sturz kann das Leben eines älteren Menschen verändern. Aus Gesprächen mit Angehörigen weiß ich, wie oft ein Oberschenkelhalsbruch der Wendepunkt war, an dem aus einem selbstständigen Leben Pflegebedürftigkeit wurde. Die gute Nachricht ist, dass sich ein großer Teil der Stürze verhindern lässt. Ich zeige Ihnen, woran das Sturzrisiko liegt, welche Maßnahmen wirklich wirken und wie Sie einen pflegebedürftigen Menschen im Alltag sicher bewegen.
Warum Stürze im Alter so gefährlich sind
Stürze sind die häufigste Unfallursache im höheren Alter. Die meisten verlaufen harmlos und enden mit einer Prellung oder Schürfwunde. Doch ein kleiner Teil hat schwere Folgen. Brüche an Hüfte oder Oberschenkel ziehen oft lange Klinikaufenthalte nach sich und können die Selbstständigkeit dauerhaft kosten.
Hinzu kommt ein psychischer Effekt, den ich für besonders unterschätzt halte, nämlich die Sturzangst. Wer einmal gestürzt ist, bewegt sich aus Furcht vor dem nächsten Mal weniger. Dadurch schwinden Kraft und Gleichgewicht, sodass das Sturzrisiko weiter steigt. So entsteht ein Teufelskreis aus Angst, Bewegungsmangel und neuen Stürzen. Genau diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen.
Eine Rolle spielt außerdem die Knochengesundheit. Bei Osteoporose brechen Knochen deutlich leichter, sodass schon ein leichter Sturz zu einer Fraktur führen kann. Vorbeugung wirkt deshalb auf zwei Ebenen, nämlich den Sturz zu verhindern und gleichzeitig die Knochen so stabil wie möglich zu halten.
Die häufigsten Ursachen: Stürze haben selten nur einen Grund
Ein Sturz ist fast immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Der DNQP-Expertenstandard beschreibt ihn ausdrücklich als multifaktorielles Geschehen. Grob lassen sich drei Gruppen unterscheiden:
- Körperliche Ursachen: nachlassende Muskelkraft, Gleichgewichts- und Gangstörungen, Schwindel, eingeschränktes Sehvermögen sowie kognitive Einschränkungen, etwa bei einer Demenz.
- Medikamente: Bestimmte Wirkstoffe, vor allem Beruhigungs-, Schlaf- und Blutdruckmittel, können Schwindel, Müdigkeit oder Kreislaufprobleme auslösen. Je mehr Medikamente gleichzeitig eingenommen werden, desto höher ist das Risiko.
- Umgebung: lose Teppiche, Türschwellen, schlechte Beleuchtung, fehlende Haltegriffe, glatte Böden oder ungeeignetes Schuhwerk.
Diesen Punkt betone ich gerne. Weil meist mehrere Ursachen zusammenkommen, hilft auch nicht eine einzelne Maßnahme, sondern ein Bündel aufeinander abgestimmter Schritte.
Sturzrisiko früh erkennen
Bevor man vorbeugt, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die Warnzeichen. Der DNQP-Expertenstandard sieht die Einschätzung des Sturzrisikos ausdrücklich als ersten Schritt vor. Achten Sie im Alltag auf folgende Signale:
- Beinahestürze: Wer öfter stolpert, schwankt oder sich gerade noch fängt, hat ein erhöhtes Risiko. Diese Beinahestürze sind ein wichtiges Warnzeichen und werden oft verschwiegen.
- Unsicherer Gang: kleine, schlurfende Schritte, breitbeiniges Gehen oder ständiges Festhalten an Möbeln und Wänden.
- Mühe beim Aufstehen: Wenn das Aufstehen vom Stuhl nur noch mit Schwung oder Abstützen gelingt, lässt die Beinkraft nach.
- Schwindel und Benommenheit, besonders beim Aufstehen oder nach neuen Medikamenten.
Wenn Ihnen solche Zeichen auffallen, sprechen Sie sie beim nächsten Arztbesuch offen an. Je früher die Ursache geklärt ist, desto besser lässt sich gegensteuern.
Sturzprophylaxe: die wirksamsten Maßnahmen
Bewegung: Kraft und Gleichgewicht trainieren
Die wirksamste Sturzprophylaxe ist regelmäßige Bewegung. Gezieltes Training von Kraft und Gleichgewicht hält die Muskulatur stabil und verbessert die Standsicherheit. Bewährt haben sich Kraftübungen für die Beine, etwa das Aufstehen aus dem Sitzen ohne Zuhilfenahme der Hände, Gleichgewichtsübungen wie der sichere Einbeinstand am Stuhl sowie Programme wie Tai-Chi, die Beweglichkeit und Balance zugleich schulen. Schon einfache Übungen im Sitzen oder am Stuhl helfen. Viele Krankenkassen und Sportvereine bieten zudem spezielle Sturzpräventionskurse für Senioren an, die im Rahmen der Prävention oft bezuschusst werden (§ 20 SGB V). Mein Rat: Lieber täglich ein paar Minuten als einmal pro Woche viel.
Das Wohnumfeld sicher gestalten
Ein großer Teil der Stürze passiert zu Hause und genau dort lässt sich am meisten erreichen. Achten Sie auf folgende Punkte:
- lose Teppiche, Kabel und Türschwellen entfernen oder sichern
- für gute, blendfreie Beleuchtung sorgen, besonders nachts auf dem Weg zur Toilette
- Haltegriffe in Bad und Flur anbringen, rutschfeste Matten in der Dusche verwenden
- häufig genutzte Dinge in greifbarer Höhe lagern, damit niemand auf einen Stuhl steigen muss
- festes, rutschfestes Schuhwerk statt loser Hausschuhe
Viele dieser Anpassungen sind günstig oder werden über die Pflegekasse als wohnumfeldverbessernde Maßnahme bezuschusst. Welche Umbauten infrage kommen, klärt eine Beratung durch die Pflegekasse oder einen Pflegestützpunkt.
Die richtigen Hilfsmittel
Gehhilfen wie Rollator oder Gehstock geben Sicherheit, sofern sie richtig eingestellt und sachgerecht genutzt werden. Ein Hausnotruf sorgt dafür, dass nach einem Sturz schnell Hilfe kommt, besonders bei Menschen, die allein leben. Bei stark sturzgefährdeten Personen können außerdem Hüftprotektoren das Risiko schwerer Brüche senken. Welche Hilfsmittel sinnvoll sind, hängt vom Einzelfall ab und sollte mit Arzt oder Pflegefachkraft besprochen werden.
Sehkraft und Medikamente prüfen lassen
Zwei einfache, oft übersehene Hebel. Lassen Sie erstens die Augen regelmäßig kontrollieren, denn schlechtes Sehen ist ein unterschätzter Risikofaktor und eine passende Brille kann Stürzen vorbeugen. Achten Sie dabei auf einen Punkt, der vielen nicht bewusst ist. Gleitsicht- und Mehrstärkenbrillen stören beim Gehen und besonders auf Treppen die Tiefenwahrnehmung, weil man dort durch den Nahbereich der Gläser blickt und Stufen schlechter einschätzt. Studien zeigen, dass unterwegs und auf Treppen eine Einstärkenbrille für die Ferne häufig sicherer ist. Bitten Sie zweitens Arzt oder Apotheke um eine Überprüfung der Medikamente. Manchmal lässt sich ein Mittel, das schwindelig macht, anpassen oder absetzen. Verändern Sie eine Medikation aber nie eigenmächtig, sondern immer in Absprache. Im selben Zuge lässt sich abklären, ob eine Osteoporose vorliegt, deren Behandlung das Risiko schwerer Brüche senkt. Bei nachgewiesenem Mangel kann der Arzt zudem Vitamin D empfehlen.
Sichere Mobilisation: Bewegen, ohne zu gefährden
Mobilisation bedeutet, einen Menschen beim Aufstehen, Gehen oder Umsetzen zu unterstützen, ohne dabei ihn oder sich selbst zu gefährden. Ein paar Grundsätze, die ich Ihnen mitgeben möchte:
- Ankündigen und Zeit lassen. Sagen Sie jeden Schritt an und geben Sie der Person Zeit, mitzumachen. Hektik führt zu Unsicherheit.
- Ressourcen nutzen. Lassen Sie die Person so viel wie möglich selbst tun. Das erhält ihre Fähigkeiten und entlastet Sie.
- Nicht am Arm ziehen. Greifen Sie nicht an Hand oder Arm, um jemanden hochzuziehen. Das ist für beide gefährlich. Stützen Sie stattdessen am Rumpf und arbeiten Sie nah am Körper.
- Rückenschonend arbeiten. Gehen Sie in die Knie statt in den Rücken, halten Sie die Last nah bei sich und nutzen Sie Hilfsmittel wie ein Drehkissen oder ein Rutschbrett.
Wie man fachgerecht und rückenschonend mobilisiert, lernt man am besten praktisch. Ich empfehle dringend einen kostenlosen Pflegekurs der Pflegekasse, in dem genau diese Handgriffe geübt werden. Das schützt nicht nur die pflegebedürftige Person, sondern auch Ihre eigene Gesundheit.
Was tun, wenn doch ein Sturz passiert?
Trotz aller Vorsorge lässt sich nicht jeder Sturz vermeiden. Für den Ernstfall möchte ich Ihnen ein ruhiges, klares Vorgehen mitgeben:
- Erst beruhigen, nicht hochreißen. Bewahren Sie Ruhe und richten Sie die Person nicht hastig auf. Verschaffen Sie sich zuerst einen Überblick.
- Auf Verletzungen prüfen. Klagt die Person über starke Schmerzen, ist ein Bein verdreht oder verkürzt, oder kann sie sich nicht bewegen? Dann nicht aufrichten, sondern den Rettungsdienst (112) rufen.
- Bei Verdacht auf Kopfverletzung sofort handeln. Nach einem Sturz auf den Kopf, bei Bewusstseinstrübung oder wenn die Person blutverdünnende Medikamente nimmt, gehört sie umgehend ärztlich untersucht, auch wenn äußerlich nichts zu sehen ist.
- Behutsam aufhelfen, wenn nichts verletzt ist. Lassen Sie die Person sich in kleinen Schritten über die Seitenlage und einen stabilen Stuhl selbst aufrichten. Ziehen Sie sie nicht am Arm hoch.
Wichtig: Melden Sie jeden Sturz beim Hausarzt, auch einen scheinbar harmlosen. Ein Sturz kann auf eine behandelbare Ursache hinweisen. Gehäufte Stürze sind ein Grund, das Sturzrisiko neu einzuschätzen.
Bewegung statt Angst: der wichtigste Grundsatz
Zum Schluss noch der Punkt, der mir am wichtigsten ist. Übertreiben Sie die Vorsicht nicht. Die meisten Stürze verlaufen glimpflich. Wer einen Menschen aus Sorge nur noch sitzen lässt, erreicht das Gegenteil von Sicherheit. Das gilt auch für bewegungseinschränkende Maßnahmen wie Bettgitter oder Fixiergurte. Der DNQP-Expertenstandard rät ausdrücklich davon ab, weil sie die Mobilität nehmen, den Muskelabbau fördern und das Sturz- und Verletzungsrisiko sogar erhöhen können. Bewegung erhält Kraft, Gleichgewicht und Selbstvertrauen. Ein gut gesichertes Umfeld und regelmäßige Bewegung gehören deshalb zusammen. Ziel ist nicht ein Leben ohne jedes Risiko, sondern ein aktives Leben mit so wenig vermeidbarem Risiko wie möglich.
Quellen
Häufige Fragen
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