
Dekubitus: Entstehung, Stadien & Prophylaxe
Ein Dekubitus zählt zu den belastendsten Folgen langer Bettlägerigkeit.
Ein Dekubitus zählt zu den belastendsten Folgen langer Bettlägerigkeit. Zugleich ist er einer der wenigen Schäden, die sich fast immer vermeiden lassen. In meinem persönlichen Umfeld habe ich erlebt, wie schnell aus einer übersehenen Hautrötung eine offene Wunde wird, die monatelang nicht heilt. Dabei reichen oft einfache Maßnahmen, um genau das zu verhindern. Ich erkläre Ihnen, wie ein Dekubitus entsteht, wie Sie die vier Stadien erkennen und mit welchen Schritten Sie ein Druckgeschwür wirksam vorbeugen.
Was ist ein Dekubitus?
Ein Dekubitus, umgangssprachlich Druckgeschwür oder Wundliegen genannt, ist eine örtlich begrenzte Schädigung der Haut und des darunterliegenden Gewebes. Er entsteht durch anhaltenden Druck, oft zusammen mit Scherkräften. Typischerweise tritt er dort auf, wo die Haut direkt über einem Knochen liegt. So beschreibt es der DNQP-Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege in Anlehnung an die internationale Definition.
Gefährdet sind vor allem Menschen, die sich kaum noch aus eigener Kraft bewegen. Wer bettlägerig ist, im Rollstuhl sitzt, gelähmt oder nicht bei Bewusstsein ist, verharrt oft stundenlang in derselben Position. Genau dann beginnt das Problem.
Wie ein Dekubitus entsteht
Drückt das Körpergewicht dauerhaft auf eine Hautstelle, werden die feinen Blutgefäße zusammengepresst. Das Gewebe wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Hält dieser Zustand an, stirbt es ab. Entscheidend sind dabei drei Größen, die zusammenwirken: die Höhe des Drucks, die Dauer der Belastung und die Widerstandskraft des Gewebes.
Zum reinen Druck kommen zwei Verstärker hinzu. Scherkräfte entstehen, wenn die Hautschichten gegeneinander verschoben werden, etwa wenn ein Mensch im Bett nach unten rutscht und die Haut am Laken hängen bleibt. Feuchtigkeit durch Schwitzen oder Inkontinenz weicht die Haut auf und macht sie verletzlicher. Den Schutz der Haut bei Blasen- oder Darmschwäche vertieft unser Beitrag zur Inkontinenz.
Das Risiko steigt zusätzlich bei hohem Alter, schlechtem Ernährungs- und Allgemeinzustand, Diabetes, Durchblutungsstörungen und einem verminderten Schmerzempfinden. Wer den schädlichen Druck nicht mehr spürt, ändert seine Lage nicht von selbst.
Ein Druckgeschwür bildet sich bevorzugt an Körperstellen mit wenig Fett- und Muskelpolster. Die folgende Übersicht zeigt, worauf Sie je nach Lage besonders achten sollten.
| Lage | Besonders gefährdete Stellen |
|---|---|
| Auf dem Rücken liegend | Steißbein und Kreuzbein, Fersen, Schulterblätter, Hinterkopf, Ellenbogen |
| Auf der Seite liegend | Hüftknochen, Knöchel, Ohrmuschel, Knie (Außenseite) |
| Im Sitzen | Gesäß und Sitzbeinhöcker, Steißbein, Fersen |
Die vier Stadien des Dekubitus
Ein Dekubitus wird nach der Tiefe der Schädigung in vier Schweregrade eingeteilt. Fachlich aktuell ist die Bezeichnung Kategorie nach den internationalen Gremien EPUAP und NPIAP, in Pflegepraxis und Abrechnung sind die Begriffe Grad und Stadium weiterhin gebräuchlich. Gemeint ist jeweils dasselbe.
| Grad | Was Sie sehen | Betroffene Schicht |
|---|---|---|
| Grad 1 | Eine umschriebene Rötung bei intakter Haut, die auf Fingerdruck nicht verblasst. Die Stelle kann wärmer, verhärtet oder schmerzhaft sein. | Haut noch geschlossen |
| Grad 2 | Ein oberflächlicher offener Defekt, eine Abschürfung oder eine Blase. | obere Hautschichten |
| Grad 3 | Ein vollständiger Hautverlust bis ins Unterhautfettgewebe, Knochen und Sehnen sind nicht sichtbar. | bis ins Fettgewebe |
| Grad 4 | Ein vollständiger Haut- und Gewebeverlust, Knochen, Sehne oder Muskel liegen frei oder sind tastbar. | bis auf Knochen und Muskel |
Lässt sich die Tiefe wegen Wundbelägen oder Schorf nicht beurteilen, sprechen Fachleute von einer nicht klassifizierbaren Schädigung. Hinzu kommt die vermutete tiefe Gewebeschädigung, bei der die Haut noch geschlossen, aber bläulich-livide verfärbt ist. Beide Sonderformen tragen keine Ziffer.
Der einfachste Test für den Anfang ist der Fingerdruck. Drücken Sie einige Sekunden mit einem Finger auf die gerötete Stelle und lassen Sie wieder los. Verblasst die Haut kurz und färbt sich danach wieder, ist das eine harmlose Reaktion. Bleibt die Rötung dagegen bestehen, deutet das auf einen beginnenden Dekubitus hin. Dann gilt es sofort zu handeln.
Dekubitusprophylaxe: die wirksamsten Maßnahmen
Die gute Nachricht steht im Expertenstandard selbst. Ein Dekubitus lässt sich in den allermeisten Fällen verhindern. Die Dekubitusprophylaxe ruht auf vier Säulen, die ineinandergreifen.
Eigenbewegung fördern. Die stärkste Entlastung leistet der Mensch selbst. Schon kleine, eigenständige Lageveränderungen verteilen den Druck besser, als es jede Lagerung von außen kann. Ermuntern Sie die pflegebedürftige Person deshalb, sich so oft wie möglich selbst zu bewegen. Erhalten Sie ihre Beweglichkeit, wo immer es geht.
Druck durch Positionswechsel entlasten. Wo die Eigenbewegung nicht genügt, übernehmen Sie den Lagewechsel. Wie oft das nötig ist, hängt vom Risiko, vom Hautzustand und von der Unterlage ab. Ein starres Schema für alle gibt es nicht. Die oft zitierten zwei Stunden sind ein grober Anhaltspunkt, keine feste Vorschrift. Bei gefährdeter Haut kann ein häufiger Wechsel nötig sein. Auf einer guten Spezialmatratze genügt oft ein größerer Abstand.
Die Haut beobachten und trocken halten. Schauen Sie sich die gefährdeten Stellen bei jeder Pflege genau an und tasten Sie sie ab. Halten Sie die Haut sauber und trocken, gerade bei Inkontinenz. Wechseln Sie feuchte Einlagen zügig. Reiben oder massieren Sie gerötete Stellen nicht, denn das schädigt das ohnehin geschwächte Gewebe zusätzlich.
Druckverteilende Hilfsmittel einsetzen. Spezielle Matratzen verteilen das Gewicht oder verändern den Druck regelmäßig, etwa über Luftkammern. Lagerungskissen entlasten einzelne Stellen, ein Gleittuch hilft beim scherkraftarmen Bewegen. Welche Hilfsmittel die Kasse stellt, erklärt der Beitrag zu den Pflegehilfsmitteln.
Begleitend zählt eine ausreichende Versorgung mit Flüssigkeit und Eiweiß, weil Unter- und Fehlernährung die Haut zusätzlich schwächen. Die praktischen Handgriffe für Waschen und Lagern beschreibt unser Beitrag zur Grundpflege und Körperpflege. Bewegungs- und Lagerungstechniken lernen Angehörige außerdem im kostenlosen Pflegekurs ihrer Pflegekasse.
Fachliche Grundlage all dieser Schritte ist der DNQP-Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege. Er war 1998 der erste Expertenstandard überhaupt und liegt aktuell in der zweiten Aktualisierung von 2017 vor, eine dritte ist für 2027 angekündigt. Eine bestimmte Risikoskala schreibt er bewusst nicht vor. Maßgeblich ist die fachliche Einschätzung der Pflegekraft, unterstützt durch Hilfsmittel wie die Braden-Skala.
Mein Tipp: Notieren Sie jede auffällige Hautstelle mit Datum und Lage. So erkennen Sie früh, ob sich etwas verschlechtert. Bei Arztbesuch oder Begutachtung können Sie es außerdem belegen.
Dekubitus, Hilfsmittel und Pflegegrad
Ein Dekubitus selbst führt zu keinem bestimmten Pflegegrad. Für die Einstufung zählt der Hilfebedarf im Alltag, vor allem bei Mobilität und Selbstversorgung. Wie die Begutachtung über sechs Lebensbereiche abläuft, lesen Sie im Überblicksbeitrag zu den Krankheitsbildern in der Pflege.
Für die Vorbeugung sind die passenden Hilfsmittel oft entscheidend. Ein höhenverstellbares Pflegebett erleichtert das Umlagern und schont Ihren Rücken, eine Antidekubitusmatratze verteilt den Druck. Wie Sie ein Pflegebett über die Kasse beziehen, zeigt der Beitrag zum Pflegebett beantragen.
Sobald die Haut offen ist, ab Grad 2, gehört die Wunde in eine fachgerechte Versorgung durch Arzt oder Pflegefachkraft. Offene Druckgeschwüre heilen langsam und können sich infizieren, im schlimmsten Fall bis zur Blutvergiftung. Warten Sie damit nicht ab.
Fazit: Dekubitus erkennen und früh gegensteuern
Ein Dekubitus entsteht durch anhaltenden Druck auf schlecht gepolsterte Körperstellen. In den meisten Fällen ist er vermeidbar. Wer die gefährdeten Stellen täglich kontrolliert, auf eine nicht verblassende Rötung sofort reagiert und für regelmäßige Entlastung sorgt, hat das Wichtigste bereits getan. Der konkrete nächste Schritt: Prüfen Sie heute, ob die pflegebedürftige Person eine druckverteilende Matratze und ein passendes Pflegebett hat. Beantragen Sie Fehlendes bei der Pflegekasse.
Quellen
Häufige Fragen
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