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Altersdepression: Depression im Alter erkennen und begleiten
Krankheitsbilder

Altersdepression: Depression im Alter erkennen und begleiten

Eine Altersdepression bleibt oft lange unentdeckt, weil ihre Anzeichen für normale Begleiterscheinungen des Älterwerdens gehalten werden.

Anja Baumann27.07.20269 Min. Lesezeit

Eine Altersdepression bleibt oft lange unentdeckt, weil ihre Anzeichen für normale Begleiterscheinungen des Älterwerdens gehalten werden. Dabei ist die Depression im Alter eine ernste, gut behandelbare Erkrankung und keine verständliche Reaktion auf graue Tage. Dieser Beitrag zeigt Ihnen, wie Sie die Anzeichen früh deuten und eine Depression von Trauer und von einer beginnenden Demenz unterscheiden. Sie erfahren außerdem, welche Behandlung hilft und wie Sie eine betroffene Person begleiten, ohne sich selbst zu überfordern.

Wie sich eine Altersdepression zeigt

Im Kern unterscheidet sich eine Altersdepression nicht von einer Depression in jüngeren Jahren. Die Leitsymptome sind eine gedrückte, freudlose Stimmung, fehlender Antrieb und das Gefühl innerer Leere. Dazu kommen häufig Schlafstörungen mit frühem Erwachen, ein verminderter Appetit, Konzentrationsprobleme und Gedanken der Hoffnungslosigkeit. Wenn solche Beschwerden länger als zwei Wochen anhalten, sollten Sie sie ärztlich abklären lassen.

Das Besondere an der Depression im Alter ist weniger das Was als das Wie. Die typischen Symptome treten in einem alterstypischen Gewand auf, das sie schwer erkennbar macht. Die Deutsche Depressionshilfe beschreibt mehrere Gründe, warum eine Altersdepression so oft durchrutscht.

  • Körperliche Beschwerden stehen im Vordergrund. Viele Betroffene richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf Schmerzen, Schwindel oder Magen-Darm-Probleme. Die seelische Ursache dahinter bleibt unausgesprochen.
  • Die Erkrankung wird nicht als Krankheit akzeptiert. Gerade ältere Menschen tun sich schwer damit, eine psychische Erkrankung als das zu sehen, was sie ist.
  • Symptome gelten als normaler Alterslauf. Freudlosigkeit, Schlafstörungen und Erschöpfung werden von Betroffenen wie von Angehörigen vorschnell als nachvollziehbare Folge des Alters gedeutet.
  • Gedächtnisprobleme führen auf die falsche Fährte. Lassen Konzentration und Merkfähigkeit nach, denken viele zuerst an eine beginnende Alzheimer-Demenz.

Hinzu kommen Auslöser, die sich im höheren Alter häufen. Der Verlust des Partners, das Ausscheiden aus dem Beruf, eine schwere körperliche Erkrankung oder zunehmende Einsamkeit setzen vielen Menschen zu. In meinem persönlichen Umfeld habe ich erlebt, wie schleichend dieser Rückzug beginnt. Erst werden Verabredungen abgesagt, dann das Telefon nicht mehr abgenommen, schließlich verlässt die Person kaum noch die Wohnung. Genau dieser stille Rückzug ist eines der wichtigsten Warnsignale.

Depression oder Demenz? Die wichtige Abgrenzung

Die schwierigste Frage im Alter lautet oft, ob hinter Vergesslichkeit und langsamem Denken eine Depression oder eine Demenz steckt. Eine Depression kann nämlich ein Bild erzeugen, das einer Demenz täuschend ähnelt. Denken und Sprechen wirken gebremst, die Konzentration lässt nach, das Gedächtnis scheint zu versagen. Fachleute nennen das die depressive Pseudodemenz. Der entscheidende Unterschied ist, dass sich diese Beschwerden mit der Behandlung der Depression zurückbilden.

Eine sichere Unterscheidung gehört in ärztliche Hände, einige Merkmale geben aber eine erste Orientierung. Die folgende Gegenüberstellung fasst die typischen Unterschiede zusammen.

Spricht eher für eine DepressionSpricht eher für eine Demenz vom Alzheimer-Typ
Die Beschwerden beginnen recht plötzlich innerhalb weniger WochenDie Verschlechterung schleicht sich über viele Monate ein
Die betroffene Person leidet sichtbar und klagt über ihre AusfälleDie betroffene Person spielt Schwächen herunter oder bestreitet sie
Das Denken wirkt verlangsamt und blockiert, aber geordnetHäufig kommt es zu echter Verwirrtheit, oft nachts
Datum, Uhrzeit und Ort werden meist richtig benanntDie Orientierung nach Zeit und Ort geht zunehmend verloren
Die gedrückte Stimmung bleibt konstant, oft mit einem Tief am MorgenDie Stimmung schwankt und lässt sich leichter aufhellen

Ein praktisches Erkennungszeichen ist die Art, wie jemand auf Fragen reagiert. Bei einer Depression überwiegt der Leidensdruck, die Person beklagt ihre Defizite und sagt eher „ich kann nicht“. Bei einer Demenz werden die gleichen Lücken oft überspielt oder mit einem beiläufigen „ich weiß nicht“ abgetan. Für die ärztliche Klärung kommen die geriatrische Depressionsskala, eine körperliche Untersuchung sowie eine Labor- und Bildgebungsdiagnostik zum Einsatz. Wie eine Demenz selbst diagnostisch festgestellt wird, beschreibt unser Beitrag zu Demenz-Tests und Diagnose. Die typischen Frühzeichen einer Alzheimer-Erkrankung ordnet der Beitrag zu den Alzheimer-Symptomen ein.

Wichtig zu wissen: Depression und Demenz schließen sich nicht aus. Beide können gleichzeitig bestehen. Eine unbehandelte Depression gilt sogar als Risikofaktor für eine spätere Demenz. Umso mehr lohnt es sich, eine depressive Erkrankung gezielt zu behandeln.

Altersdepression behandeln: Therapie, Medikamente und Aktivierung

Die gute Nachricht zuerst. Auch eine Altersdepression lässt sich gut behandeln. Das Alter ist kein Grund, auf eine Therapie zu verzichten. Tragende Säulen sind die Psychotherapie und die medikamentöse Behandlung, die sich gut ergänzen. Für die kognitive Verhaltenstherapie ist belegt, dass sie auch bei älteren Menschen wirkt. Trotzdem ist der Anteil der über 60-Jährigen in psychotherapeutischer Behandlung bis heute gering.

Bei den Medikamenten ist im Alter besondere Sorgfalt nötig. Viele ältere Menschen nehmen bereits mehrere Präparate ein, sodass die Auswahl des Antidepressivums Wechselwirkungen berücksichtigen muss. Diese Auswahl trifft die Ärztin oder der Arzt. Gerade weil die Behandlung komplexer ist, darf sie nicht unterbleiben. Eine Depression ist im Alter mehr noch als bei Jüngeren eine lebensbedrohliche Erkrankung, etwa durch Bettlägerigkeit, zu geringes Trinken und ein stark erhöhtes Suizidrisiko.

Neben Therapie und Medikamenten zählt die Aktivierung. Gemeint ist kein passives Umsorgtwerden, sondern das behutsame Wiederanknüpfen an Bewegung, Tagesstruktur und soziale Kontakte. Aus meiner Erfahrung wirkt eine feste, überschaubare Tagesstruktur oft Wunder, weil sie dem Tag wieder einen Halt gibt. Ein gemeinsamer Spaziergang, ein offener Mittagstisch in der Gemeinde oder ein regelmäßiger Besuchsdienst sind kleine Schritte mit großer Wirkung.

Mein Tipp: Die erste Anlaufstelle ist die Hausärztin oder der Hausarzt. Von dort führt der Weg bei Bedarf zur Fachärztin für Psychiatrie oder zur psychotherapeutischen Praxis.

Als Angehöriger begleiten: Was wirklich hilft

Als Angehöriger können Sie eine Depression nicht wegnehmen, aber Sie sind oft die Person, die sie als Erste bemerkt und Hilfe anstößt. Der erste Schritt ist, Veränderungen ernst zu nehmen und sie nicht als Launen abzutun. Suchen Sie das Gespräch behutsam und ohne Vorwurf. Die Deutsche Depressionshilfe rät, mit einer Ich-Botschaft zu beginnen, etwa mit dem Satz, dass Sie sich Sorgen machen und einen Rückzug beobachten.

Vermeiden Sie gut gemeinte Appelle wie „Reiß dich zusammen“ oder „Anderen geht es schlechter“. Solche Sätze erhöhen nur den Druck und bestätigen die Schuldgefühle. Hilfreicher ist es, die Depression als Erkrankung anzuerkennen und die Person bei der Behandlung zu begleiten. Begleiten Sie sie zu Terminen, erinnern Sie freundlich an die Einnahme der Medikamente und feiern Sie kleine Fortschritte mit.

Ein Thema verdient besondere Aufmerksamkeit. Äußerungen wie „Ich kann nicht mehr“ oder „Ich will nicht mehr“ sind ernst zu nehmen und sollten offen angesprochen werden. Das Nachfragen löst keine Suizidgedanken aus, es schafft im Gegenteil Entlastung. Bestehen solche Gedanken, ziehen Sie ärztliche Hilfe hinzu. Sobald die Depression selbst behandelt wird, geht die Suizidgefahr nachweislich zurück.

Ich rate Ihnen, dabei auch auf sich selbst zu achten. Die Begleitung eines depressiven Menschen zehrt an den Kräften. Welche Rechte, Leistungen und Entlastungsangebote Ihnen als pflegende Person zustehen, bündelt unser Überblick für pflegende Angehörige. Ob aus einer Altersdepression ein Pflegegrad folgt, hängt übrigens nicht von der Diagnose ab, sondern vom Hilfebedarf im Alltag. Wie die Begutachtung das bewertet, fasst unser Überblick zu den Krankheitsbildern in der Pflege zusammen.

Im akuten Notfall oder wenn Sie einfach reden möchten, sind Sie nicht allein. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar. Das Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe erreichen Sie unter 0800 33 44 533.

Fazit: Eine Altersdepression früh erkennen und ernst nehmen

Eine Altersdepression ist kein normaler Teil des Älterwerdens, sondern eine behandelbare Erkrankung, die zu oft übersehen wird. Wer den stillen Rückzug, die Freudlosigkeit und körperliche Klagen richtig deutet, kann früh gegensteuern. Entscheidend ist die ärztliche Abklärung, gerade um eine Depression sicher von einer Demenz zu unterscheiden. Holen Sie als nächsten Schritt ärztlichen Rat ein, am besten zunächst beim Hausarzt. Begleiten Sie die betroffene Person danach geduldig durch die Behandlung.

Quellen

Häufige Fragen

Typisch sind anhaltend gedrückte Stimmung, Antriebs- und Freudlosigkeit sowie sozialer Rückzug über mehr als zwei Wochen. Im Alter überlagern oft körperliche Beschwerden das Bild.
Eine Depression beginnt rasch, die Betroffenen leiden sichtbar und bleiben orientiert. Eine Demenz schreitet langsam voran, Defizite werden heruntergespielt und die Orientierung geht verloren.
Eine Altersdepression behandeln Ärzte mit Psychotherapie und Antidepressiva, ergänzt durch Aktivierung im Alltag. Wegen möglicher Wechselwirkungen wählt der Arzt die Medikamente besonders sorgfältig aus.
Zu den Symptomen einer Depression im Alter zählen neben gedrückter Stimmung oft Schlafstörungen, Appetitverlust und Konzentrationsprobleme. Viele Betroffene klagen vor allem über körperliche Beschwerden.
Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis, die bei Bedarf an Psychiatrie oder Psychotherapie weiterleitet. Bei akuter Belastung helfen die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 und das Info-Telefon der Depressionshilfe unter 0800 33 44 533.

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