MeinePflege.net
Sundowning: nächtliche Unruhe bei Demenz verstehen und begleiten
Demenz & Alzheimer

Sundowning: nächtliche Unruhe bei Demenz verstehen und begleiten

Viele Angehörige kennen den Moment, in dem ein ruhiger Tag mit der Dämmerung kippt.

Patricia Brunero27.07.20268 Min. Lesezeit

Viele Angehörige kennen den Moment, in dem ein ruhiger Tag mit der Dämmerung kippt. Bei Sundowning bei Demenz wachsen Unruhe, Verwirrtheit und Angst gegen den späten Nachmittag spürbar an. Für die erkrankte Person ist das belastend. Den pflegenden Familien rauben die unruhigen Abende und Nächte oft den eigenen Schlaf. Ich erkläre Ihnen, was hinter dem Phänomen steckt, warum die innere Uhr aus dem Takt gerät und mit welchen Mitteln sich nächtliche Unruhe bei Demenz spürbar verringern lässt.

Was ist Sundowning bei Demenz?

Sundowning, im Deutschen auch Sonnenuntergangs- oder Dämmerungssyndrom genannt, beschreibt eine wiederkehrende Verhaltensänderung in den späten Nachmittags- und Abendstunden. Wichtig zu wissen: Es ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Muster von Symptomen, das viele Menschen mit Demenz im Tagesverlauf zeigen.

Typisch sind innere Anspannung, Reizbarkeit, Misstrauen und Orientierungslosigkeit. Manche Betroffene laufen rastlos umher, fragen immer wieder dasselbe oder drängen darauf, das Haus zu verlassen oder zu einem vertrauten Ort aufzubrechen. Oft geht es dabei weniger um den sachlichen Inhalt einer Aussage als um ein Gefühl wie Sehnsucht, Unsicherheit oder den Wunsch nach Vertrautheit.

Das Phänomen tritt nicht bei jedem auf und schwankt von Tag zu Tag. Häufiger zeigt es sich im mittleren bis fortgeschrittenen Verlauf. Wie sich eine Demenz über die Zeit verändert, wird in unserem Beitrag zum Demenz-Verlauf und den drei Stadien beschrieben.

Warum Menschen mit Demenz abends unruhig werden

Dass ein Mensch mit Demenz abends unruhig wird, hat selten eine einzelne Ursache. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen. Welche davon überwiegen, ist von Person zu Person verschieden.

Der wichtigste Punkt liegt im Gehirn selbst. Bei einer Alzheimer-Demenz wird früh der Bereich geschädigt, der den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Die innere Uhr gerät aus dem Takt. Das Gefühl für die Tageszeit verschwimmt, wie die Alzheimer Forschung Initiative erläutert. Wer nicht mehr sicher weiß, ob gerade Abend oder Morgen ist, reagiert leichter mit Angst und Anspannung.

Dazu kommt die Erschöpfung nach einem langen Tag. Menschen mit Demenz leisten im Alltag mehr, als von außen sichtbar ist, weil sie sich ständig neu orientieren müssen. Auch die Dämmerung spielt eine Rolle. Mit dem schwindenden Licht verändern sich Schatten und Kontraste, vertraute Räume wirken plötzlich fremd. Schließlich verbergen sich hinter der Unruhe oft ganz körperliche Auslöser. Die Stiftung ZQP nennt zu wenig Bewegung und geistige Anregung am Tag, einen zu langen Mittagsschlaf, Schmerzen sowie häufigen Harndrang als typische Gründe. Aus Gesprächen mit Angehörigen nehme ich mit, dass gerade Schmerzen leicht übersehen werden, weil viele Betroffene sie nicht mehr in Worte fassen können.

Was bei Sundowning und nächtlicher Unruhe hilft

Die innere Uhr lässt sich nicht zurückstellen, aber unterstützen. Der Hebel liegt vor allem im Tagesablauf. Wer den Unterschied zwischen Tag und Nacht erlebbar macht, schafft die beste Voraussetzung für ruhigere Abende. Die folgende Übersicht ordnet die wirksamsten Maßnahmen nach Tageszeit.

TagsüberAbends und nachts
Morgens viel Tageslicht, etwa beim Frühstück am Fenster oder an der frischen LuftDen Abend ruhig und reizarm gestalten, aufregende Aktivitäten vermeiden
Bewegung und Beschäftigung zu festen ZeitenGedämpftes, warmes Licht statt heller Deckenlampen
Mittagsschlaf auf höchstens 30 Minuten begrenzenVertrautes Ritual zum Tagesausklang, etwa Tee oder leise Musik
Mahlzeiten und Abläufe immer zur gleichen UhrzeitSchlafzimmer kühl, ruhig und nicht völlig dunkel halten

Tageslicht ist der wichtigste Taktgeber. Ein Aufenthalt im Freien am Morgen hilft dem Gehirn, sich zeitlich zu orientieren. In der dunklen Jahreszeit kann eine Tageslichtlampe diese Wirkung ein Stück weit ersetzen. Bewegung baut Spannung ab und macht abends müde, weshalb feste Spaziergänge oft mehr bringen als jedes Medikament. Ein langer Mittagsschlaf dagegen verschiebt den Rhythmus weiter, deshalb empfiehlt die Alzheimer Forschung Initiative, ihn auf höchstens 30 Minuten zu begrenzen.

Am Abend zählt das Gegenteil von Reizen. Ein laufender Fernseher, grelles Licht oder viel Betrieb überfordern ein bereits müdes Gehirn, weshalb die Deutsche Alzheimer Gesellschaft zu einer ruhigen, gut überschaubaren Umgebung rät. Ich rate Ihnen, etwa eine Stunde vor dem Zubettgehen auf Bildschirme zu verzichten, da deren Licht das Einschlafen erschwert. Gedämpfte Lampen und ein gleichbleibendes Ritual signalisieren, dass der Tag zu Ende geht. Das Schlafzimmer sollte kühl und ruhig sein. Die Alzheimer Forschung Initiative verweist auf die Empfehlung der Schlafmedizin, den Raum bei etwa 16 bis 18 Grad zu halten. Völlige Dunkelheit ist allerdings nicht ratsam. Ein kleines Nachtlicht in der Nähe der Tür beugt Stürzen und Angst vor, wenn die Person nachts aufsteht.

Mein Tipp: Führen Sie über ein bis zwei Wochen ein kurzes Protokoll, wann die Unruhe beginnt und was ihr vorausging. Oft zeigt sich ein Auslöser, an dem Sie gezielt ansetzen können, statt allgemein gegen die Unruhe anzukämpfen.

Hindern Sie die Person nicht mit Gewalt am Aufstehen, wenn sie nachts wach wird. Sorgen Sie stattdessen für eine sichere Umgebung und begegnen Sie ihr ruhig. Wie Sie auf Unruhe gelassen reagieren und Gefühle anerkennen, statt zu korrigieren, vertieft unser Beitrag zum Umgang mit Demenzkranken und zur Validation.

Körperliche Ursachen abklären und ärztlichen Rat einholen

Nicht jede abendliche Unruhe ist Sundowning. Wenn die Unruhe plötzlich neu auftritt oder sich stark steigert, sollten Sie zunächst körperliche Ursachen ärztlich abklären lassen. Dahinter können Schmerzen, ein Infekt, eine volle Blase oder Nebenwirkungen von Medikamenten stecken. Eine akute, schwankende Verwirrtheit kann auch ein Delir sein, das rasch behandelt werden muss und sich vom regelmäßig wiederkehrenden Sundowning unterscheidet.

Auch eine angepasste Schmerztherapie oder eine über den Tag verteilte Trinkmenge mit weniger Flüssigkeit am Abend kann nächtliche Unruhe verringern. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass solche einfachen Stellschrauben oft mehr bewirken als der schnelle Griff zu Beruhigungsmitteln. Beruhigende Neuroleptika sieht die Deutsche Alzheimer Gesellschaft kritisch, weil sie demenzielle Symptome verstärken können. Sie bleiben das letzte Mittel und gehören in ärztliche Hand.

Entlastung für pflegende Angehörige

Unterbrochene Nächte zehren mit der Zeit an der Gesundheit. Wer einen Menschen mit Demenz begleitet, sollte Hilfe annehmen, bevor die eigenen Kräfte aufgebraucht sind. Eine Nachtpflege, stundenweise Betreuung oder eine Verhinderungs- und Kurzzeitpflege verschaffen Ihnen Schlaf und Atempausen. In Deutschland werden rund zwei Drittel der Menschen mit Demenz zu Hause versorgt. Nächtliche Unruhe zählt dort zu den größten Belastungen (gesund.bund.de).

Hält die nächtliche Unruhe an und steigt der Betreuungsaufwand, kann sich auch ein Blick auf den Pflegegrad lohnen. Was bei einer Demenz für die Einstufung zählt und welche Leistungen daran hängen, lesen Sie in unserem Beitrag zum Pflegegrad bei Demenz. Einen Überblick zu Formen, Symptomen und Verlauf bietet zudem der allgemeine Demenz-Ratgeber dieses Portals. Eine niedrigschwellige erste Anlaufstelle ist das Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft unter 030 259 37 95 14.

Fazit: Sundowning bei Demenz lässt sich begleiten

Sundowning ist kein Versagen und kein böser Wille, sondern Folge einer aus dem Takt geratenen inneren Uhr. Den größten Unterschied macht der Tag. Viel Morgenlicht, Bewegung zu festen Zeiten und ein kurzer Mittagsschlaf bereiten ruhigere Abende vor, während gedämpftes Licht und feste Rituale die Nacht erleichtern. Beginnen Sie mit einem kleinen Unruhe-Protokoll und klären Sie bei plötzlicher Unruhe zuerst körperliche Ursachen ab. Holen Sie sich rechtzeitig Entlastung, denn nur ausgeruht können Sie gut begleiten.

Quellen

Häufige Fragen

Sundowning bezeichnet zunehmende Unruhe, Verwirrtheit und Angst am späten Nachmittag und Abend. Es ist keine eigene Krankheit, sondern ein Verhaltensmuster bei gestörtem Tag-Nacht-Rhythmus.
Früh ist der Hirnbereich geschädigt, der die innere Uhr steuert, sodass das Gefühl für die Tageszeit verloren geht. Hinzu kommen Erschöpfung, die Dämmerung und körperliche Auslöser wie Schmerz oder Harndrang.
Am wirksamsten ist ein strukturierter Tag mit viel Morgenlicht, Bewegung und einem Mittagsschlaf von höchstens 30 Minuten. Am Abend helfen gedämpftes Licht, wenig Reize, ein vertrautes Ritual und ein kleines Nachtlicht.
Häufiger zeigt sich das Sonnenuntergangs-Syndrom im mittleren bis fortgeschrittenen Stadium. Pauschal festlegen lässt es sich aber nicht, da jede Demenz anders verläuft und es nicht jeden trifft.
Bei plötzlich neuer oder stark zunehmender Unruhe sollten Sie körperliche Ursachen wie Schmerzen, einen Infekt oder Medikamentenwirkungen ärztlich abklären lassen. Eine akute, schwankende Verwirrtheit kann ein Delir sein und braucht rasche Behandlung.

Das könnte Sie auch interessieren