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Aggression bei Demenz, Unruhe und Weglauftendenz verstehen und begleiten
Demenz & Alzheimer

Aggression bei Demenz, Unruhe und Weglauftendenz verstehen und begleiten

Aggression bei Demenz trifft pflegende Angehörige oft mitten ins Herz, weil sie von einem geliebten Menschen kommt.

Thomas Eckert27.07.20269 Min. Lesezeit

Aggression bei Demenz trifft pflegende Angehörige oft mitten ins Herz, weil sie von einem geliebten Menschen kommt. Wer beschimpft, weggestoßen oder nachts im Hausflur gesucht wird, fragt sich schnell, was er falsch gemacht hat. Ich habe erlebt, wie viel Schuld und Erschöpfung sich bei Angehörigen aufstauen kann. In diesem Beitrag zeige ich Ihnen, warum hinter Aggression, Unruhe und Weglauftendenz fast immer ein unerfülltes Bedürfnis steckt, wie Sie schwierige Situationen entschärfen und wo die Grenzen von Medikamenten und Einschränkungen liegen.

Was Demenz im Kern bedeutet, welche Formen es gibt und wie sie verläuft, fassen wir in unserem Demenz-Ratgeber zusammen. Hier geht es dagegen um den praktischen Umgang mit den Verhaltensweisen, die den Alltag am stärksten belasten.

Aggression bei Demenz ist selten böser Wille

Viele Angehörige erleben Wutausbrüche als persönlichen Angriff. Fachlich betrachtet steckt dahinter aber selten Absicht. Mit der Erkrankung verliert das Gehirn zunehmend die Fähigkeit, Handlungen zu planen und gezielt zu steuern. Echte Aggression setzt eine Absicht voraus, jemandem zu schaden. Genau diese Steuerung fällt weg, weshalb Fachleute lieber von einem Affekt sprechen, also einer heftigen Gefühlsregung, die sich ungebremst Bahn bricht.

Wie verbreitet solche Reaktionen sind, zeigen Zahlen aus der stationären Pflege. Den Rahmenempfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums zufolge kommt es bei 31 bis 42 Prozent der dort lebenden Erkrankten zeitweise zu körperlicher Aggression. Auch Menschen, die ihr Leben lang ruhig und friedlich waren, können betroffen sein.

Wichtig zu wissen: Das veränderte Verhalten ist ein Symptom der Krankheit, kein neuer Charakterzug. Wer Wut als Botschaft liest und nicht als Bosheit, reagiert gelassener. Mit dieser inneren Haltung beginnt jeder gute Umgang.

Herausforderndes Verhalten: welche Bedürfnisse dahinterstecken

Der Fachbegriff für all diese anstrengenden Verhaltensweisen lautet herausforderndes Verhalten bei Demenz. Dazu zählen körperliche Unruhe und ständiges Umhergehen, lautes Rufen, Abwehr bei der Pflege, aber auch Rückzug und Teilnahmslosigkeit. Gemeinsam ist ihnen, dass die erkrankte Person ein Bedürfnis oder ein Unbehagen nicht mehr in Worte fassen kann und es stattdessen über das Verhalten ausdrückt.

Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen dauerhaften und unmittelbaren Ursachen. Zu den dauerhaften Hintergründen gehören die Lebensgeschichte und das frühere Wesen eines Menschen. Auslösend wirken dann konkrete Reize im Moment. Häufig kommt erst im Zusammenspiel mehrerer Faktoren der Punkt, an dem das Verhalten sichtbar wird.

Die folgende Übersicht ordnet typische Auslöser ein, auf die das ZQP und die Praxis immer wieder hinweisen.

Möglicher AuslöserWas dahinterstecken kannWas hilft
Körperliche NotSchmerz, Hunger, Durst, Harndrang, Verstopfunggezielt nachfragen, Hausarzt einbeziehen
Überforderungzu viele Reize, Lärm, Hektik, zu viele AnweisungenTempo herausnehmen, eine Sache nach der anderen
Angst und Schamfremde Umgebung, Intimpflege, Kontrollverlustankündigen, Würde wahren, vertraute Abläufe
Langeweilefehlende Aufgabe, zu wenig BewegungBeschäftigung und Bewegung anbieten

Mein Tipp: Führen Sie über ein bis zwei Wochen ein kurzes Notizheft, in dem Sie festhalten, wann das Verhalten auftritt und was unmittelbar vorausging. Oft zeigt sich ein Muster, das den entscheidenden Hinweis auf den Auslöser liefert.

In der akuten Situation ruhig bleiben

Wenn die Lage eskaliert, hilft kein Argument mehr. Jetzt zählt, dass Sie selbst die Ruhe behalten und das Verhalten nicht auf sich beziehen. Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt für solche Momente einige einfache Grundsätze, die ich aus der Praxis nur bestätigen kann.

Atmen Sie zunächst bewusst durch und wählen Sie einen ruhigen, freundlichen Tonfall. Versuchen Sie, mit etwas Vertrautem zu beruhigen, etwa mit Musik, einem bekannten Duft oder einer behutsamen Berührung. Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema, statt auf dem Streitpunkt zu beharren. Halten Sie sich dabei immer einen Weg zur Tür frei.

Verzichten Sie darauf, die Person festzuhalten, denn das steigert Angst und Gegenwehr meist noch. Wird es körperlich bedrohlich, hat Ihre eigene Sicherheit Vorrang. Ziehen Sie sich dann zurück und rufen Sie im Notfall Hilfe. Seien Sie anschließend nachsichtig mit sich selbst, wenn Sie einmal lauter geworden sind, als Sie wollten. Mit den eigenen Gefühlen umzugehen, gehört zu den schwersten Teilen dieser Aufgabe.

Unruhe bei Demenz: Bewegung statt Bremsen

Unruhe bei Demenz äußert sich oft als ständiges Aufstehen, Nesteln, Hin- und Herlaufen oder als wiederholtes Fragen. Dahinter steht selten Bosheit, sondern ein Drang nach Bewegung, das Suchen nach Sicherheit oder schlicht Langeweile. Wer dagegen ankämpft, erzeugt zusätzliche Spannung. Klüger ist es, dem Bewegungsdrang einen sicheren Raum zu geben.

Tagsüber ausreichend Bewegung sorgt erfahrungsgemäß für ruhigere Abende. Ein gemeinsamer Spaziergang, leichte Aufgaben im Haushalt oder etwas Gartenarbeit bauen überschüssige Energie ab. Welche Tätigkeiten guttun und an die Biografie anknüpfen, beschreiben wir ausführlich in unserem Beitrag zur Beschäftigung und Aktivierung bei Demenz. Ergänzend hilft eine reizarme Umgebung. Ein dauerlaufender Fernseher oder mehrere Gespräche gleichzeitig überfordern schnell.

Besonders am späten Nachmittag und Abend nimmt die Unruhe bei vielen Erkrankten zu. Dieses als Sundowning bekannte Phänomen hängt vermutlich mit Erschöpfung, einsetzender Dunkelheit und dem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus zusammen. Ein gleichbleibender Tagesablauf, gutes Licht am frühen Abend und feste Schlafzeiten geben hier den nötigen Halt.

Weglauftendenz bei Demenz: warum Menschen sich auf den Weg machen

Die Weglauftendenz gehört zu den belastendsten Verhaltensweisen, weil sie unmittelbar gefährlich werden kann. Fachleute sprechen heute lieber von Hinlauftendenz. Der Grund liegt in einer veränderten Sichtweise. Betroffene laufen nicht ziellos davon, sondern zielgerichtet auf etwas zu, etwa zur früheren Arbeitsstelle, zum Elternhaus oder zu einem Menschen aus der Vergangenheit. Laut Alzheimer Forschung Initiative und dem Welt-Alzheimer-Report 2022 zeigt im Krankheitsverlauf etwa jede zweite bis dritte an Alzheimer erkrankte Person dieses Verhalten.

Ausgelöst wird es durch den Abbau in den Hirnregionen, die für räumliche Orientierung und Handlungsplanung zuständig sind. Entfernungen und Richtungen lassen sich nicht mehr richtig einschätzen, irgendwann werden selbst vertraute Wege fremd. Das Gehirn greift dann auf alte Routinen zurück, die früher Sicherheit gaben. Am häufigsten tritt die Hinlauftendenz im mittleren bis fortgeschrittenen Stadium auf, oft in den unruhigen Abendstunden.

Eine besondere Rolle spielt der Wunsch, nach Hause zu wollen, selbst wenn die Person längst zu Hause ist. Gemeint ist damit kein bestimmtes Haus, sondern ein Gefühl von Geborgenheit. Hier hilft kein Widerspruch. Statt zu berichtigen, greifen Sie das Gefühl auf und fragen nach dem Zuhause von früher. Wie das Gespräch in solchen Momenten gelingt, vertiefen wir im Beitrag zum Umgang mit Demenzkranken und zur Validation. Helfen kann auch, Jacke, Schuhe oder Schlüssel aus dem Blickfeld zu räumen, weil diese Dinge zum Aufbruch verleiten.

Sicherheit bei Weglauftendenz: Tagesstruktur, Wohnung und Technik

Vollständig abstellen lässt sich die Hinlauftendenz nicht. Sie können das Risiko aber deutlich senken, indem Sie an drei Stellen ansetzen, am Tagesablauf, an der Wohnung und an technischen Hilfen.

Beim Tagesablauf zahlt sich aus, was schon gegen die Unruhe hilft. Genügend Bewegung und sinnvolle Beschäftigung mindern den inneren Antrieb, loszuziehen. In der Wohnung lässt sich ein unbemerktes Verlassen erschweren. Bewährt haben sich eine Alarmmatte oder ein Glöckchen an der Tür, ebenso eine optisch zurückhaltende Gestaltung der Ausgänge. Ein Vorhang vor der Tür, ein schlichtes Stoppschild oder ein ungewohnter Drehknauf statt der gewohnten Klinke lenken die Aufmerksamkeit ab. Sprechen Sie außerdem Nachbarn und Geschäfte in der Nähe an. Aufmerksame Mitmenschen sind oft der beste Schutz.

Technische Hilfen wie eine Smartwatch oder ein kleiner GPS-Sender ermöglichen im Ernstfall eine Ortung. Über die zugehörige App lässt sich ein Bereich um die Wohnung festlegen. Verlässt die Person diesen, geht ein Signal aufs Smartphone. Voraussetzung ist allerdings, dass die erkrankte Person mit der Ortung einverstanden ist. Wird die Ortung abgelehnt, sind ein Notfallausweis oder fest in die Kleidung eingenähte Kontaktdaten eine gute Alternative.

Mein Tipp: Halten Sie ein aktuelles Foto und eine kurze Personenbeschreibung griffbereit. Kehrt Ihr Angehöriger einmal nicht zurück, informieren Sie sofort die Polizei und suchen nicht erst stundenlang allein. Viele Vermisste werden in der Nähe des Zuhauses oder an vertrauten Orten wie früheren Wohnungen, Haltestellen oder Kirchen gefunden.

Medikamente und rechtliche Grenzen

Manche Familien hoffen, ein Medikament könne Unruhe und Aggression einfach abstellen. So einfach ist es nicht. Sogenannte Neuroleptika oder Antipsychotika werden zwar gegen massive Unruhe, starkes Misstrauen, Wutausbrüche oder Sinnestäuschungen eingesetzt. Laut ZQP sind sie wegen ihrer Nebenwirkungen jedoch umstritten. Dazu zählen ausgeprägte Müdigkeit und Bewegungsstörungen sowie ein erhöhtes Schlaganfall- und Sterberisiko. Solche Mittel gehören deshalb in ärztliche Hand und kommen erst infrage, wenn alle anderen Wege ausgeschöpft sind.

Mindestens ebenso wichtig sind die rechtlichen Grenzen. Maßnahmen, die einen Menschen an der freien Bewegung hindern, etwa das Einsperren in der Wohnung, ein Bettgitter oder das Festbinden im Stuhl, gelten als freiheitsentziehende Maßnahmen. Nach § 1831 BGB sind sie nur zulässig, wenn eine Betreuerin oder ein Bevollmächtigter sie veranlasst und das Betreuungsgericht sie genehmigt. Eine GPS-Ortung mit Einverständnis ist rechtlich klar unproblematischer und schützt die Selbstständigkeit mehr als ein verschlossenes Haus.

Wann Sie sich Unterstützung holen sollten

Sie müssen das nicht allein bewältigen. Diese Aufgabe ist zu groß für eine einzige Person. Ein erster wichtiger Schritt führt zum Hausarzt, der körperliche Ursachen wie einen Harnwegsinfekt, Schmerzen oder Nebenwirkungen anderer Medikamente abklären kann. Solche Auslöser bleiben sonst leicht unentdeckt. Eine Pflegeberatung sowie Beratungsstellen der regionalen Alzheimer-Gesellschaften helfen mit konkreten Strategien für Ihre Situation. Eine Beratungsstelle oder einen Pflegestützpunkt in Ihrer Nähe finden Sie über die Beratungsdatenbank des ZQP.

Aus meiner Erfahrung lohnt es sich, Entlastung früh zu organisieren und nicht erst dann zu reagieren, wenn die Kräfte schon aufgebraucht sind. Wenig Aufwand kostet ein Anruf beim Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, das Sie unter 030 259 37 95 14 erreichen. Reißt im Alltag einmal der Geduldsfaden, ist das kein Versagen. Treten Sie kurz aus der Situation heraus und gönnen Sie sich eine Pause, bevor Sie weitermachen.

Fazit: Aggression bei Demenz wird verständlich, wenn Sie den Auslöser suchen

Hinter Aggression, Unruhe und Weglauftendenz steht fast immer ein Bedürfnis, das die erkrankte Person nicht mehr aussprechen kann. Wer das Verhalten als Botschaft begreift, ruhig bleibt und nach dem Auslöser fahndet, erlebt deutlich entspanntere Tage. Medikamente und Einschränkungen sind nur das letzte Mittel, niemals der erste Griff. Als konkreten nächsten Schritt empfehle ich, eine Woche lang die Auslöser zu notieren und mit dieser Beobachtung das Gespräch mit dem Hausarzt oder einer Pflegeberatung zu suchen.

Quellen

Häufige Fragen

Aggression bei Demenz ist meist kein Vorsatz, sondern ein Affekt. Dahinter stecken unerfüllte Bedürfnisse wie Schmerz, Angst oder Überforderung.
Geben Sie dem Bewegungsdrang einen sicheren Rahmen, statt das Gehen zu unterbinden. Bewegung am Tag, Türalarme und eine GPS-Ortung mit Einverständnis senken das Risiko.
Hilfreich sind ein fester Tagesablauf, genug Bewegung am Tag und eine reizarme Umgebung. Akut beruhigen ein ruhiger Tonfall, vertraute Musik und behutsame Ablenkung.
Herausforderndes Verhalten bei Demenz umfasst Unruhe, Aggression, Rufen, Abwehr und Rückzug. Es drückt ein Bedürfnis aus, das die Person nicht mehr benennen kann.
Neuroleptika können Unruhe und Aggression dämpfen, sind aber wegen erhöhtem Schlaganfall- und Sterberisiko umstritten. Sie sind nur das letzte Mittel und gehören in ärztliche Hand.
Nein. Einsperren, Bettgitter oder Fixierungen sind freiheitsentziehende Maßnahmen und nach § 1831 BGB nur mit Genehmigung des Betreuungsgerichts erlaubt.

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